Informatische Bildung 

im Spannungsfeld zwischen

Autonomie und Standards

Nichts kann existieren ohne Ordnung.
Nichts kann entstehen ohne Chaos. (Albert Einstein)



 
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CDA-Ausgabe, Dezember 2005 
Download CDA-Sonderheft "Informatische Bildung
in der Sekundarstufe I" (ca. 2 MB)

 

 

 

 


CDA-Ausgabe, Mai 2004: Standards in der Schulinformatik Standards in der Schulinformatik(PDF, 600kB)

- Standards in den Informationstechnologien (Dorninger, A)
- IT-Infrastrukturstandards im Bildungsbereich (Apflauer, A)
- Zertifikate in Schulen - sind denn unsere Noten nichts mehr wert? (Karner, A)
- Verändert der ECDL den Informatikunterricht? (Hopfenwieser, A)
- Test Your IT-Knowledge (Moser,Keller, CH)
- Die Trägheit als Chance (Thomann, CH)
- Neue Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Informatik (Fothe, D)
- Informatische Bildung und PISA Standards
– zur Umsetzung für die informatische Bildung (Humbert, D)
- Überlegungen zum Erreichen eines Minimalstandards im Programmierunterricht
  (Antonitsch, A)
- Informationstechnologische und informatische Bildungsstandards 
  für österreichische Schulen (Schwarz, A)


Was sind überhaupt Bildungsstandards?   Folder der Broschüre des bm:bwk


Auf dem Wege zu Standards

 

Standards in der Schulinformatik Österreichs im Sekundarbereich I

(Version 0.99, erscheint in LOGIN Nr. 135)

 

 

Ausgangssituation

 

Seit mehr als zehn Jahren hat in Österreich die wachsende Schulautonomie bewirkt, dass Lehrpersonen und Schulen mehr denn je für die spezifischen Lehr- und Lernziele in den jeweiligen Fächern verantwortlich sind. Dies gilt in besonderem Maße für den IT/Informatik-unterricht. Diversen schulautonomen Initiativen stehen aber in den meisten Fächern noch immer mehrheitlich zentral verordnete Lehrpläne gegenüber. Als Instrumentarien einer als eher als ineffizient eingestuften Inputsteuerung sind diese in letzter Zeit allerdings stark in Diskussion geraten. Sie können nicht garantieren, dass das annähernd das Gleiche unterrichtet, geschweige denn von den Schüler/innen auch wirklich (nachhaltig) gelernt wird.

Dieser unbefriedigenden Situation soll nun in Form von so genannten Bildungsstandards auch in Österreich begegnet werden, ausgelöst nicht zuletzt durch die teilweise enttäuschenden Ergebnisse österreichischer Schüler/innen bei den internationalen Vergleichsstudien wie PISA oder TIMSS.

Bildungsstandards benennen Kompetenzen einer zeitgemäßen Grundbildung im jeweiligen Fach und sollen den Lehrpersonen eine bessere Orientierung und mehr Sicherheit in ihrer unterrichtlichen Arbeit geben. Die bloße Formulierung von Bildungsstandards im Sinne einer (detaillierten) Operationalisierung von Lernzielen wäre nach Mager (1996) allerdings nur alter Wein in neuen Schläuchen, wenn sie nicht um die Dimension von output-orientierten Leistungsstandards erweitert wird, die sich auf die tatsächlichen (gemessenen) Ergebnisse des Unterrichts beziehen.

Bildungsstandards in Österreich sind als Regelstandards konzipiert und definieren, welche Kompetenzen die Schüler/innen bis zu einer bestimmten Schulstufe nachhaltig erworben haben sollen. Sie geben normative Erwartungen vor, auf die die am Bildungsprozess Verantwortlichen hin arbeiten sollen. Die in den Lehrplänen vorgesehenen Erweiterungsbereiche sowie diverse schulautonome Entwicklungsmöglichkeiten sollen aber - bedingt durch eine drohende Engführung des Unterrichts („teaching to the test“) und die dominierende Orientierung an Standards - auf keinen Fall aufgegeben werden. Überdies legen Bildungsstandards nicht fest, was guter Unterricht ist. Damit sollte der Lehr- und Lernprozess an sich von einer Standardisierung weitestgehend ausgenommen sein.

 

Derzeit sind in Österreich diverse ministerielle Arbeitsgruppen, deren Erstentwürfe im Jahr 2002 vorgelegt wurden, gerade dabei, die Standards für die 4. und 8.Schulstufe (das sind die Schnittstellen Grundschule - Sekundarstufe I und Sekundarstufe I - Sekundarstufe II) für die Gegenstände Deutsch, Englisch und Mathematik zu finalisieren. Ein Prozedere jährlicher Standardüberprüfungen und Evaluationen in zufällig ausgewählten Schulen mit repräsentativen Zufallsstichproben von Schüler/innen wurde ebenfalls beschlossen.



Informatische Bildung und Standards

 

Standards definieren aus Sicht österreichischer Expertengruppen nur zentrale, unstrittige Lerninhalte und Kompetenzen (derzeit in den Gegenständen Deutsch, Englisch und Mathematik), orientieren sich eng an den Inhalten der Lehrpläne und werden momentan nur für die strategisch wichtigen Zeitpunkte am Ende der Grundschule (Volksschule) und der Sekundarstufe I ausgearbeitet. In diesem Artikel wird die Schnittstelle Grundschule – Sekundarstufe I der 10- Jährigen nicht weiter behandelt, weil in den Grundschulen (derzeit noch) keine flächendeckende, durch Lehrpläne gestützte systematische Einführung in die Informationstechnologie (IT) erfolgt.
Bevor überhaupt Überlegungen hinsichtlich der Standards in der IT/Informatik angestellt werden können, muss zuerst die Frage erörtert werden, wo und wann in der hochkomplexen österreichischen Schullandschaft eine ernsthafte, systematische Erstbegegnung der Schüler/innen mit IT bzw. Informatik beginnt. Diese Frage ist auf Grund der bereits erwähnten schulautonomen Initiativen österreichischer Schulen seit vielen Jahren vor allem im Bereich der IT/Informatik nicht einfach zu beantworten, weil erst jetzt Ansätze der (notwendigen) Beforschung dieses Bereichs zu erkennen sind. Derzeit liegen exemplarische Teilergebnisse aus den Bundesländern Oberösterreich, Niederösterreich, Vorarlberg und Kärnten vor (vgl. [SI05]).  

 

Da der IT/Informatikunterricht in der Sekundarstufe I derzeit ausschließlich der Logik schulautonomer Entscheidungen folgt und bundesweit nicht vereinheitlicht ist, ist ein „Fleckerlteppich vorprogrammiert“. Informell stellt sich der Bereich der 10-14 jährigen Schüler/innen der allgemein bildenden höheren Schulen (AHS, Gymnasium Unterstufe) und Hauptschulen (HS) - in diesen beiden Schultypen sind alle ca. 380.000 Schüler/innen Österreichs der Schulstufen 5 bis 8 erfasst - als ein Konglomerat von Schulversuchen, autonomen Stundentafeln und vielen Schwerpunktsetzungen im informatischen Bereich dar. Je nach Schulprofil und Interessenslage der Schüler/innen sind die Leistungen aus IT/Informatik am Ende der Sekundarstufe I entsprechend dem Angebot und Konsum an IT/Informatikstunden in dieser Altersstufe schultypenübergreifend denkbar unterschiedlich. Die Bandbreite informatischer Literalität bei den 14-jährigen reicht von „zero-knowledge“ bis hin zu profunden, in Zertifikaten ausgewiesenen IT-Kompetenzen und Expertenwissen.

Diese enorme digitale Kluft kann nun aus bildungspolitischer Sicht als Preis der Autonomie zwar beklagt, aber letztlich doch zähneknirschend in Kauf genommen werden. Wirklich befriedigend ist diese Situation aber nicht. Weder für die Schulen, die mit einem attraktiven IT/Informatik-Angebot Schüler/innen als „Kunden“ gewinnen und so den eigenen Standort stärken wollen, als auch für die Schüler/innen, die einem volatilen Angebot an schulautonomen Informatik-Pflichtfächern, Freigegenständen und Unverbindlichen Übungen sowie einschlägigen Kursen gegenüber stehen und denen nicht wirklich kommuniziert wird, was am Ende der Sekundarstufe I von ihnen erwartet wird.

Das ministerielle Delegieren der Verantwortung an die Schulen, autonom dafür zu sorgen, dass alle Schüler/innen bis zum Ende der Sekundarstufe I  die notwendige „4. Kulturtechnik“ ausreichend beherrschen, ist aus Sicht des Autors nur suboptimal gelungen. Bisher unveröffentlichte qualitative Studien zeigen, dass die durchschnittliche IT-Kompetenz unserer 14-jährigen zu wünschen übrig lässt.

Die Schule hat auch in Österreich die Pflicht, die Schüler/innen auf die zunehmend digitalisierte, von Informatiksystemen durchdrungene Lebenswelt vorzubereiten. Dazu zählen neben der Beherrschung der außer Diskussion stehenden Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen wohl auch IT/Informatik - Kompetenzen. Dieser Umstand verlangt aus Sicht des Autors eine Komplementärstrategie in Form von Standards und verbindlichen Lernzielen.

Im Folgenden werden sowohl die Probleme bei der Erarbeitung von Standards für das Fach Informatik als auch ihr Potential dargelegt.

 

 

Sonderfall IT- und Informatik

 

Nach den Gegenständen Deutsch, Englisch und Mathematik wird von zentraler, ministerieller  Stelle aus Interesse an der Erarbeitung von Standards für den informationstechnologischen und informatischen Bereich bekundet. Es wurde diesbezüglich auch eine informelle Arbeitsgruppe installiert, der auch der Autor angehört.

Dies ist einerseits bemerkenswert, da im oben Dargelegten klar hervorgeht, dass die informatische Bildung in der Sekundarstufe I in Österreich schulautonom geregelt ist und es für diese Altersgruppe keine zentral verordneten Stundentafeln und Lehrpläne gibt, an denen sich Standards orientieren können.

Damit kommt einem wohl definierten Referenzrahmen und einem daran verknüpften Standard für informatische Grundkompetenzen an der Schnittstelle zwischen Sekundarstufe I und Sekundarstufe II eine erhebliche Bedeutung zu. Gilt es in den (Haupt)Fächern Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik die Grundkompetenzen nachhaltig abzusichern, so zielt ein von Fachleuten, bestehend aus Informatiklehrkräften und Fachdidaktikern, getragener Konsens auch auf die Aufforderung für schulpolitische Entscheidungsträger, für die Altersgruppe der 10-14 Jährigen Maßnahmen zu treffen, damit die Schüler/innen von der Institution Schule systematisch auf die für diesen Standard erforderlichen Kompetenzen vorbereitet werden.

Das kann durch die verstärkte schulautonome Einführung von Pflichtstunden aus Informatik auf Kosten anderer Fächer geschehen, was aber durch die so genannte Entlastungsverordnung immer schwerer wird (welches Fach lässt sich noch etwas wegnehmen?). Die gesetzlich verankerte Entlastungsverordnung führte dazu, dass ab dem Schuljahr 2003/2004 sowohl in Sekundarstufe I und II und über alle  Schultypen Österreichs hinweg zwei Stunden pro Woche weniger Unterricht stattfindet.

Eine andere Möglichkeit wäre ein verstärkter integrativer Einsatz des Computers in anderen Fächern, im Zuge dessen informationstechnologische Kompetenzen sozusagen „just in time“ und „on demand“ gelehrt werden könnten. Dieser Ansatz war aber schon in den 90-iger Jahren nicht wirklich erfolgreich und es darf bezweifelt werden, ob eine „Informationstechnische Grundbildung neu“ die IT-Kompetenzen der Schüler/innen nachhaltig verbessern würde. Möglich wäre auch ein Modell, bei dem in den einzelnen Jahrgangsstufen in mehreren Fächern ein gewisses Stundenkontingent an IT/Informatik unterrichtet werden müsste. Ein solches Modell gibt es in Österreich in der 7./8. Schulstufe für den Bereich der Berufsorientierung, das pro Schuljahr nachweislich für 32 Stunden zum Thema des Unterrichts gemacht werden muss.

 

Die einzige gesetzliche Verankerung, in der der Unterricht in Informations- und Kommunikationstechnologie für die Sekundarstufe I (Hauptschule und Gymnasium) abgeleitet werden kann, ist im aktuellen Lehrplan in folgender Leitvorstellung festgeschrieben. 

„Innovative Technologien der Information und Kommunikation sowie die Massenmedien dringen immer stärker in alle Lebensbereiche vor. Besonders Multimedia und Telekommunikation sind zu Bestimmungsfaktoren für die sich fortentwickelnde Informationsgesellschaft geworden. Im Rahmen des Unterrichts ist diesen Entwicklungen Rechnung zu tragen und das didaktische Potenzial der Informationstechnologien bei gleichzeitiger kritischer rationaler Auseinandersetzung mit deren Wirkungsmechanismen in Wirtschaft und Gesellschaft nutzbar zu machen Den Schülerinnen und Schülern sind relevante Erfahrungsräume zu eröffnen und geeignete Methoden für eine gezielte Auswahl aus computergestützten Informations- und Wissensquellen zur Verfügung zu stellen.“

Dass es heute trotz dieser unverbindlichen Vorgabe in der Sekundarstufe eine breites informatisches Angebot an der Sekundarstufe I gibt, ist auf viele Einzelinitiativen von engagierten Lehrer/innen zurückzuführen. Auch die Tatsache, dass mit Informatik die Attraktivität des Schulstandortes gesteigert werden konnte, war ein wesentlicher Katalysator für viele informatische Aktivitäten. Wenn die Anzeichen nicht trügen, so darf dieser Trend als rückläufig bezeichnet werden.„Der Hype ist vorbei, die (Schul)Informatik wird normal“, so könnte man das kurz zusammen fassen. Und ergänzend-widersprüchlich dazu: „Trotzdem ist die Mehrzahl der Schüler/innen noch immer weit von einer wünschenswerten informatischen Literalität entfernt.“
In diesem Lichte sind nun die aktuellen Bemühungen um Standardisierung in dem unübersichtlichen schulischen Fachbereich IT/Informatik zu sehen. Was an informatischem Wissen und IT-Kompetenzen am Ende der Sekundarstufe I von den Schüler/innen eingefordert werden kann und muss, ist derzeit zwar nicht das wichtigste, so aber doch ein zentrales Anliegen auch aus ministerieller Sicht. 

 

 

Wozu Standards? Es gibt ja den ECDL!

 

Spätestens an dieser Stelle ist es notwendig, die Rolle und den Einfluss des Europäischen Computerführerscheines (ECDL) in Österreichs Schulen zu thematisieren.

„Der Europäische Computer Führerschein ist zum Standard für den Nachweis grundlegender Kenntnisse in der Computer Anwendung geworden. Der "Verein zur Förderung des ECDL an Schulen und in der öffentlichen Verwaltung" unterstützt in Österreich in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kunst und der Österreichischen Computergesellschaft  diese Initiative.“, heißt es von Frau Bundesminister Gehrer höchstpersönlich auf der Portalseite des Vereines für die Förderung des ECDL an Schulen. Somit ist der ECDL fraglos auch bildungspolitische Chefsache und die Zahlen im österreichischen Schulwesen sprechen dafür, dass der ECDL die informationstechnologische Schullandschaft mehr bewegt hat als jede Lehrplanänderung. Und die letzten umfassenden Lehrplanänderungen für die Sekundarstufe I gab es im Jahr 2000.

 

Aktuelle Statistiken belegen, dass im Gymnasialbereich bisher mehr als 70.000 Module und im Hauptschulbereich bisher fast 150.000 Module abgelegt wurden. Der Trend, den ECDL immer mehr vom Sekundarbereich II in den Sekundarbereich I zu verlagern, ist unübersehbar.

Weiters ist nahe liegend, dass der Informatikunterricht in diesen (Schwerpunkt)Schulen durch die Inhalte des ECDL wesentlich bestimmt und in vielen Fällen dominiert wird. Weiters ist festzustellen, dass die Akzeptanz des ECDL aus schulautonomen Gründen nicht gleichmäßig über die Schulen gestreut ist, sondern ein kleinere Anzahl aktiver Schulen für den Großteil der ECDL-Prüfungen verantwortlich zeichnet. 

Es ist derzeit nicht abzusehen, wie sich die Akzeptanz des ECDL an Österreichs Schulen weiter entwickeln wird. Einerseits ist der Reiz des Neuen vorbei, die Exklusivität des ECDL nicht mehr in dem Maße gegeben wie noch vor Jahren. Andererseits können Zusatzqualifikationen und auch während der Schulzeit erworbene Zertifikate in der Berufswelt nie schaden. Ob das Basiszertifikat ECDL wirklich ein Nachweis für nachhaltige IT-Skills ist, muss erst bewiesen werden und ist individuell sehr verschieden. In vielen Fällen erfolgt ein auf die jeweils vorgegebenen Module ausgerichtetes „teaching to the test“, der mehr einem Dressurakt gleicht als einem inspirierenden Unterricht. Allerdings ist diese Art des Unterrichts nicht notwendigerweise auf die Vorbereitung zur Ablegung des ECDL beschränkt.

Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle bemerkt, dass der ECDL die 7 Module Grundlagen, Computerbenutzung und Dateimanagement, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Datenbank, Präsentation, Information und Kommunikation umfasst und somit einen weniger problem- als vielmehr werkzeug- und produktorientierten Ansatz verfolgt.


„In der derzeitigen schulischen Leistungsbeurteilung werden Kenntnisse über sehr kurze Zeiträume erfasst (Schularbeiten bestehen häufig aus gut vorbereiteten Aufgaben aus dem unmittelbar vorausgehenden Unterricht). Bei dieser Art des Überprüfens sind Nachhaltigkeit und Transfer des Lernens gering. Schüler/innen reagieren darauf nicht selten in der Art: „Das brauche ich nicht mehr zu können, das bin ich ja schon geprüft worden. Maturanten, die nicht Prozentrechnen können, sind die Folge.“ (Eder, 2002)

Der Platz in diesem Artikel reicht nicht aus, die Spezifika der Erfolgsstory ECDL an Österreichs Schulen ausführlicher darzulegen. Jedenfalls aber hat dieses externe, international anerkannte Zertifikat in Bezug auf Standards und den IT/Informatik-Unterricht in Österreichs Schulen mehr bewirkt, als alle bisherigen Initiativen zusammen, für die Sekundarstufe I einen akzeptables Referenzmodell mit altersgemäßen Standards zu entwickeln.

 

Wer bestimmt denn nun, was erstens in der Sekundarstufe unterrichtet wird und zweitens was die Schüler/innen am Ende der 8. Jgst., also an der Schnittstelle von Sekundarstufe I und Sekundarstufe II  nachhaltig wissen und können sollen?

In den tradierten Fächern sollte es der Lehrplan sein. Nicht selten ist ein es das (approbierte) „Standard“-Schulbuch, das zum heimlichen Lehrplan mutiert. Dieses gibt es für den IT/Informatikunterricht in der Sekundarstufe I verständlicherweise nicht. Und wo es keinen zentralen Lehrplan gibt, kann es mangels konkreter Anhaltspunkte nur schwer eine allfällige Approbation geben. (Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass in der 9. Jahrgangsstufe, wo im Gymnasialbereich das Fach Informatik als zweistündiges Pflichtfach mit einem zentralen Lehrplan angeboten wird, im Rahmen der Schulbuchaktion für dieses Schuljahr nur von ca. 5% der Schüler/innen Informatik-Schulbücher bestellt worden sind).

Die Folge sind nicht selten inhaltliche Orientierungen an den vielen Unterrichts- und Trainingsmaterialien, die im Gefolge des ECDL auch den Schulbuchmarkt zu dominieren beginnen. Die Inflation an Produkt-schulungsunterlagen ist aus Sicht des Autors keine erfreuliche Entwicklung. Eine Umorientierung ist anzustreben, die aber nur dann einsetzen kann, wenn die sich derzeit in Entwicklung befindlichen Standards eine breite Akzeptanz und Verbindlichkeit aufweisen werden.

 

 

Ein österreichisches Referenzmodell für die Sekundarstufe I

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Die Definition von Standards unterliegt auch in Österreich einer Systematik, bei der zunächst nach einleitenden Hinweisen der Beitrag des Faches zur Bildung skizziert wird. Anschließend wird ein Kompetenzmodell erstellt und beschrieben, und davon abgeleitet werden die Standards formuliert. Wesentlich ist, dass Standards durch Aufgabenbeispiele unterschiedlicher Komplexität veranschaulicht werden müssen und einem Kompetenz- und Referenzmodell zugeordnet werden sollen..

Da die für die Mathematik zuständige Expertenkommission in Österreich bereits umfangreiche Vorarbeiten geleistet hat, war es nahe liegend, sich an der Struktur dieses Kompetenzmodells für den Gegenstandsbereich Informatik bzw. Informations- und Kommunikationstechnologie zu orientieren. Die nunmehr vorliegende Handreichung zu den „Bildungsstandards für Mathematik am Ende der 8. Schulstufe“ sieht folgende Struktur vor:

 

Allgemeine mathematische Kompetenzen (Handlungsdimensionen)

Darstellen, Modellbilden
Operieren, Rechnen
Interpretieren und Dokumentieren
Argumentieren und Begründen

Inhaltliche mathematische Kompetenzen (Inhaltsdimensionen)

         Arbeiten mit Zahlen und Maßen

         Arbeiten mit Variablen und funktionalen Abhängigkeiten

         Arbeiten mit Figuren und Körpern

         Arbeiten mit statistischen Kenngrößen und Darstellungen

3-stufige Komplexitätsdimension

         Geringe Komplexität (reproduktives Wissen und elementare Fertigkeiten)

         Mittlere Komplexität (Auswahl von Modellen, mehrschrittiger Lösungsweg)

Höhere Komplexität ( Entwicklung neuer Strategien, Problemerkennung und
                                      Formalisierung)

Überfachliche Kompetenzen
         Autonomes Lernen, Arbeitstechniken, Methodenkompetenzen, Kooperatives Handeln

         Kritisches Denken und Reflektieren

 

Ergänzend bemerkt, werden im Fach Deutsch die fundamentalen Handlungsdimensionen Lesen, Schreiben bzw. Verfassen von Texten, Sprechen, Sprachbetrachtung, Rechtschreibung ausgewiesen. Im Fach Englisch sind es Hören, Lesen, Interaktives Sprechen, Monologisches Sprechen, Schreiben.

 

In Anlehnung an dieses Kompetenzmodell wurde von einer Arbeitsgruppe, bestehend aus den Landesarbeitsgemeinschaftsleitern und Schulaufsichtsorganen der einzelnen Bundesländer für die IT/Informatik am Ende der 8. Schulstufe (Sekundarstufe I) folgende Struktur erarbeitet:  

 

Inhaltsdimensionen

         Aufbau und Funktionsweise von Informatiksystemen

         Publikation und Kommunikation

         Problemlösen und Modellieren

         Wissensorganisation und Informationsmanagement

         Informatiksysteme und Gesellschaft

Handlungsdimensionen  

         Wissen, Anwenden, Gestalten, Bewerten

Vertiefungs-/Erweiterungsdimensionen  

         Komplexitätsstufen I, II, III

 

Die Beschreibung dieser Inhaltstränge und die davon abgeleiteten erwartbaren und eingeforderten Schülerleistungen in Form von operationalisierten Lernzielen sowie ein exemplarischer Aufgabenkatalog werden im Web dokumentiert. Damit diese Standards im vorliegenden „top down“-Prozess nicht nur unverbindliche Lernziele und Absichtserklärungen vorgeben und so lediglich ein Paralleldokument zu ähnlichen (schulautonomen) Lehrplänen darstellen, wird es in weiterer Folge notwendig sein, daraus abgeleitet auch Output-Standards (Leistungsstandards) und damit das jeweils fachspezifisch zu bestimmende Niveau der Schülerleistungen (im weitesten Sinn) zu definieren. Diese Standards beziehen sich dann auf die tatsächlichen Erträge des Unterrichts und nicht bloß auf die hinreichend bekannten Unterrichtsintentionen der am (Aus)Bildungsprozess Beteiligten. (vgl. Eder in [Forum Schule]). Dabei besteht allerdings immer die Gefahr, dass im Zuge einer ausschließlichen Orientierung an den genau definierten Standards wesentliche Ziele des Unterrichts vernachlässigt werden und damit der Unterricht zu einer reinen Schulung mutiert. Jedenfalls stellen für die Informatik-Fachdidaktik die Standards auch in Österreich eine große Herausforderung dar.

 

Peter Micheuz

Jauntalweg
A-9100 Völkermarkt

E-Mail: peter.micheuz@aon.at

 

Alpen-Adria-Gymnasium Völkermarkt
Pestalozzistraße 1
A-9100 Völkermarkt

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Institut für Informatik-Systeme
Universitätsstraße 65-67

A-9020 Klagenfurt

 

 

Literatur und Internetquellen

 

Das Reformkonzept der Zukunftskommission, bm:bwk, Wien 2003
Bildungsstandards für Mathematik am Ende der 8. Schulstufe, BMBWK, Sektion I, Oktober 2004, abrufbar unter http://www.gemeinsamlernen.at.

CDA Austria, Sonderausgabe „Standards für den Informatikunterricht“, Mai 2004

Forum Schule, Pädagogische Beilage zum Verordnungsblatt des Landesschulrates für Kärnten, Nr. 4, Dezember 2002

Beschlüsse der Kultusminsterkonferenz, Bildungsstandards im Fach Mathematik für den Mittleren Schulabschluss, Luchetrhand, Darmstadt, 2004

Journal für Schulentwicklung, Standards, Studienverlag; Innsbruck, 2004
Bildungsstandards für die Mathematik, Version 3.0, Oktober 2004, BMBWK, Sektion I

 

http://www.gemeinsamlernen.at

http://www.schulinformatik.at/standards

http://www.it4education.at 

http://www.ecdl.at

 

    "Standard" is just another word for nothing left to teach